Kassler Haussprüche
Kassler Haussprüche Eine kleine Entdeckungsreise der beiden Herren, Kahle und Fröhlich. (Eine 15seitige Broschüre handschriftlich, mit Faden in der Knickung zusammengehalten); 1927
Die beiden Herren gehen in mäßiger Eile die Wilhelmshöhe Allee zur Stadt hinunter.
Herr Kahle: Es freut mich, dass Sie das gleiche Ziel haben wie ich. Haussprüche suche ich leidenschaftlich gern. Einmal liebe ich es, mir etwas über das Äußere aufzuschreiben – man kann dann von Zeit zu Zeit vergleichen, in welcher Art und Weise die Sprüche angeschrieben werden worden sind, Dann lässt sich mancher Rückschluss auf die Geschichte machen, denn sehr oft sind Jahreszahlen angegeben. Sie sind meine besondere Freude. Man hat doch etwas Festes, Sicheres in der Hand.
Herr Fröhlich: Vor allem aber lässt sich so umfänglich viel aus dem Aussprüchen herauslesen! Ich versetze mich gern an die Stelle des Schreibers und habe dann in bunten Farben eine neue Welt um mich und fühle mich selbst als ein anderer Mensch.
Kahle: Gewiss, gewiss, das ist recht unterhaltsam. Kommen Sie in diese winkligen Gassen. Hier werden wir am ehesten etwas finden.
Sie kommen in die Ziegengasse vor dem Hause Nr.8 bleibt Kahle stehen.
Kahle: Sehen Sie, der erste Fund! – Er schreibt sich die Straße, Hausnummer und den Spruch auf. – "Wer Gott vertraut tut, hat wohl gebaut."
Fröhlich: Vergessen Sie nicht: in Stein eingeritzt, rechts neben der Tür!
Kahle: ich danke Ihnen – Sie kommen in die Brüderstraße zur Nummer 13. –
Fröhlich: An diesem hübschen Häuschen müsste doch ein Spruch zu finden sein. Gewiss! – Er buchstabiert: "Wenn du lange baust, mit schwerer Last…"
Eine Frau aus dem Käseladen, der in dem Hause ist: "Ach, lieber Herr, kommen Sie man mir rein. So wern ja noch von der Elekrische überfahren. Ich will Ihn den Spruch sagen. – Die Herren gehen in den Laden. –
Die Frau: " Wenn du lange bausst, mit schwerer Last, hohe Häuser, großen Palast, so bleibt ihr doch von all deiner Hab nicht mehr, denn ein Tuch ins Grab." Das ist er.
Kahle: Wissen Sie vielleicht auch die Jahreszahl?
Die Frau: ich kann mich nicht besinnen! Sie steht aber oben rechts in der Ecke in der ersten Etage, da könnten Sie sie finden.
Kahle: Ich danke Ihnen. Kommen Sie, Herr Fröhlich!
Die Herren suchen die Jahreszahl.
Fröhlich: Ich kann keine Zahl entdecken; aber sehen Sie doch nur, da steht ja noch ein Spruch und so schön deutlich: "Ich will den Herrn loben, solange ich lebe und meinem Gott lobsingen, weil ich hie bin. 146. Psalm."
Kahle schreibt sich etwas auf und murmelt: Erstes Stockwerk, in Holz eingeschnitzt. Blockschrift.
Fröhlich: Das ist ein rechter Spruch! Der Mensch muss ein wahrer Gottesmann und guter Bürger gewesen sein. Den Weisheitsspruch schreibt er unten hin, dass alle ihn lesen, Und der Nichtigkeit des Reichtums gedenken, seine Dankbarkeit und seine Lebensfreude aber verkündet er denen, die nach oben sehen.
Kahle geht ungeduldig weiter: Wenn ich doch nur eine Jahreszahl fände! – Endlich! – Er schreibt: Brüderstraße 23, zu beiden Seiten der Haustür. "Es ist ein großer Gewinn, wer gottselig ehrlich ist, und lest ihn genügen."
"Wir haben hier keine bleibende Stat, sondern die zukünftige, suchen wir". In der Mitte: "Anno 1614" "Johann Backlo" – das ist die Zeit der Protestantenkämpfe! Der Dreißigjährige Krieg ist im Anzuge.
Fröhlich: Und der Mann war ein treuer Protestant. Nun, Hessen war ja gut protestantisch. Er muss doch eine rechte Glaubensfreudigkeit bei den Menschen geherrscht haben, dass sie diese Sprüche an ihr Haus schrieben. Heutzutage scheint man wieder Achtung vor diesen Menschen zu bekommen, denn der Spruch ist sorgfältig wieder renoviert worden.
Kahle: Darin ist wohl nur die augenblickliche Begeisterung für das Alte schuld. Man prahlt mit den Altertümern, die man hat.
Fröhlich: Und dennoch! Wird man mit etwas prahlen, was man nicht schätzt? Mir scheint diese Betonung des Alten eine Sehnsucht nach dem Seelenreichtum und der Gradheit jener Menschen zu verraten. Irgendeine Verwandtschaft mit diesen Menschen muss bestehen, sonst wäre solch fein empfundene Erneuerung dieser alten Häuser nicht möglich. Sehen Sie doch nur! – Er zeigt auf die Häuser am Altmarkt. –
Kahle: Das überzeugt mich nicht. Die Menschen sind mehr Geschäftsleute als Gemütsmenschen. 'Altkassel mit seinen herrlichen Bauten aus der Renaissancezeit' zieht auch Fremde an, die Geld in die Stadt bringen. Das Herz hat hierbei nichts zu sagen.
Fröhlich: Aber der Zimmermann oder der Maler, der an dem Haus gearbeitet hat, der wird sicher nicht nur Geschäftsmann gewesen sein. Diese Sprüche scheinen mir Recht zu geben: "Hier steh ich gottlob auf Gericht Johann Foran hat erbauet mich." "Und was die Zeit an mir verwischt hat Ferdinand Peter 1922 wieder aufgefrischt."
Kahle schreibt und murmelt Altenmarkt 2, in Holz, ein geschnitzt, ungeschickte Buchstaben.
Fröhlich: Dieser Peter hat gewiss ein ähnliches Vorgefühl gehabt, als seine Arbeit fertig war, wie Johann Foran. Ich bleibe dabei, wir leben hier Menschen, die jenen verwandt sind.
Kahle: Meinetwegen. Ist für Ist hier nicht ein Jahreszahl? 1644! – Dreißigjähriger Krieg, der Spruch altfranzösisch: "Qui veult du Paradiese de la Gloire e cesse jamaisde bieu faire de bien servir et loyal estre le bon Serviteur devinr maistre." Das Franzosentum, ob vielleicht der Spruch zur Magerius [† 2. April 1557 ] Zeiten, als der Rheinbund [Rheinischer Bund 14.8.1658, Rheinbund 1806] bestand, angeschrieben worden ist? Es ist ja nicht gesagt, dass er gleich beim Hausbau mit entstanden ist. Man müsste das doch in Erfahrung bringen können. In den alten Katastern wird sicher etwas über das Haus stehen; vielleicht hat es auf auch von Anfang an ein Franzose in Besitz gehabt. Ich werde doch bei Gelegenheit des Kataster von 1644 darauf hin durchsehen.
Fröhlich: Ja, tun Sie das. Ich wüsste auch gern mehr über das alte Haus. Wie eng die Worte am Schluss geschrieben sind! Der Künstler hat gewiss nicht vorher überlegt, wie viel Platz er brauchte, denn die Buchstaben vorher stehen sehr weit auseinander. Ich schließe daraus auf eine kindliche Sorglosigkeit des Arbeiters.
Kahle: Das gehört zum Äußeren – schreibt eine Bemerkung in seinen Heft.
Fröhlich: Schreiben Sie gleich weiter 'Vor der Schlagd' über der Haustüre zu beiden Seiten: "Auxiliante Deo. Nil Curo Facta malorum. Confede Recte agens. Thue recht scheue niemand." Über der Haustüre: "renovat 1696, 1926 erneuert." Wie alt mag wohl das Haus sein?
Kahle ist schon beim Hause Essiggasse 1: 1607 erbaut. – Liest und schreibt dann: "Meine Hilfe flehet zu Got o Got, wend all mein Ehlend. – Seitlich der Haustüre und deutlich in Stein eingehauen.
Fröhlich: Was für eine Fundgrube haben Sie da gemacht? – Liest den Spruch. – Ehlend, wie viel schwerer klingt das alles unser Elend! Es wird wohl auch schwerer empfunden worden sein.
K: Ja, denn 1607 sind die beginnenden Kämpfe der Protestanten, und jener ruft zu Gott, nicht zu einem Heiligen, so er ist er also Protestant.
F: Obwohl der Schreiber an die Streitigkeiten in seinem Vaterlande, oder ob er nur an sein eigenes Los gedacht hat?
K: Ich nehme an, er denkt nur an sich. Das ist jedenfalls sehr wahrscheinlich. Diese Menschen kannten damals nicht die Vaterlandsliebe. Der nationale Gedanke war Ihnen noch fremd. Ihr Geist war eng.
F: In politischer Hinsich vielleicht. In religiöser Beziehung scheinen sie mir größer zu sein als viele unserer heutigen Zeit. Wer würde heute diesen Spruch an sein Haus schreiben? – Er bleibt vor dem Haus Töpfermarkt 16 stehen. – "Hier zeitlich, dort ewig." Zeugt das nicht von einem rechten Geist? Glauben Sie nicht, dass der Mensch, der dieses schrieb, über dem Leben stand?
K: O doch, aber es ist nur einer, alle waren nicht so.
F: Wer weiß, ob er diesen Spruch angeschrieben hätte, wenn er nicht viele mit sich sinneseins wusste? Hier finden wir gleich einen Glaubensgenossen! – Sie sind vor dem Hause Kruggasse 2 angekommen. – "All mein Thun zu jeder Frist steht im Namen Jesu Christ!" "Mein Anfang und mein Ende steht alles in Gottes Hende!" "Der steht mir bei früh und spät, bis mein Leben ein Ende hat."
K. für sich: in Holz geschnitzt, dreimal zwei Zeichen nebeneinander.
F: Es muss den Menschen ein Bedürfnis geworden sein, ihren Glauben kund zu tun. Vielleicht wollten Sie auch dem Vorübergehenden den rechten Weg zeigen, Vielleicht Gesinnungsgenossen so zu sich rufen. Wahrscheinlicher aber scheint mir zu sein, dass sie einen Spruch für sich und ihr Haus wünschten und darum die frommen Sprüche anbrachten. Ich glaube fest, dass sie diesen Segen oft beim Eintritt ins Haus gespürt haben.
K: Das kann wohl sein. Sie haben die Sprüche ja meistens über der Haustüre oder daneben angebracht, wo sie oft gelesen werden konnten. Sie dauern über Jahrhunderte hinaus, denn der in Holz geschnitzte oder in Stein gehauene Spruch ist noch heute zu lesen.
F: So haben unsere Väter schon für unseren Glauben gesorgt. Und das sollen nicht weitschauende Menschen gewesen sein?
K: Was unbewusst aus der Natur entspringt, ist nicht der Geistesgröße zuzumessen. – Hier ist ein anderer Spruch. Judenbrunnen zwölf: "Alle die mich kennen gebe Gott was sie mir gönnen. Nikolaus Krawse". Aus der Zahl lese ich 1527. Das ist der älteste Spruch, den wir gefunden haben.
F: Lassen Sie uns durch dieses enge Gässchen gehen, das Haus scheint bis zur nächsten Straße zu reichen. – Sie gehen hindurch. –
K. bleibt in der Mitte stehen: Nein, hier beginnt ein neues, dem ersten, ganz ähnlich. Es hat nur reichere Schnitzereien.
F. steht vor dem schönen Patrizierhaus Töpfermarkt 15: Mich hat ein guter Stern geführt! "Wer Gott vertraut hat wohl gebaut. Nikolaus Krause 1605"!
K: 1605 deutlich in Holz geschnitzt, gut erhalten.
F: Da haben wir eine ganze Lebensgeschichte. Nikolaus Krause, ein beliebter, rechtlich denkender Mann, fromm und fleißig hat sich durch eigene Kraft zum wohlhabenden Mann gemacht, so dass er sich ein zweites Haus bauen konnte. Hier fällt mir ein Spruch aus Kirchdetmold ein: "Johannes Hermann. Marta meine eheliche Hausfrau. haben Gott vertraut und dis Haus gebaut. Im Jahre Christi . den 11. April 1712." Das ist auch eine Art Chronik wie diese beiden Sprüche. Dieser Hermann, schrieb 'meine Hausfrau'. Er konnte sich nicht auf dem Standpunkt eines Dritten, des Lesers, stellen!
K: Wo stand der Spruch?
F: Kirchdetmold, Margellstraße. In Holz geschnitzt über der Haustür, deutlich und gut erhalten.
K. schreibt es auf: Vielen Dank! Hier ist wieder ein in Holz geschnitzter Spruch; Wildemanngasse 30, Altstadt [unleserlich] "Alles, was die Leute euch tun sollen. Das tut ihr ihnen." 'Euch tun sollen heißt das "dagegen?" "Was die Leute euch nicht tun sollen, das tut auch Ihnen nicht."
Fr: Ich kann auch nicht genau erkennen, wie es heißen soll. Nehmen wir es so an. Ein Weisheitsspruch; oder hat der Mann schlechte Erfahrung gemacht und schreibt aus der Erbitterung seines Herzens?
K: Wer weiß! – Hier sind noch ein paar Sprüche aus der Sternapotheke, Oberste Gasse 47. Die Apotheke ist um 1809 in das Haus gekommen, von Jerome, privilegiert. Der Spruch scheint erst später angemalt zu sein: "Der Herr lässt die Arznei aus der Erde wachsen und ein Vernünftiger verachtet sie nicht."
F: Ein Vernünftiger! Da spricht der Rationalismus!
K: "Guter Wein und guter Arznei, wachsen uns machen uns aller Leiden frei."
F: Das ist eine gute Anpreisung, der Waren! Da fällt mir ein, in der Marktgasse an der Schützenhalle stand der Spruch: "Die Schützenhalle ist der Ort, wo edler Stoff fließt immer fort." Das passt hier her.
K: Das ist ein neuerer Spruch. Der war auch nur gemalt?
F: Jawohl. Bald hat ihn der Regen abgewaschen. Mir soll’s nicht leid sein.
K: Lassen Sie uns noch in der Unterneustadt nach alten Sprüchen suchen!
F: Ich war neulich schon dort unten: Keinen einzigen Spruch habe ich gesehen! Viele Häuser sind dort mit schönen Schnitzereien, ich fürchte aber vergeblich. Ich suchte aber vergeblich nach einem Spruch. Es ist ganz eigenartig. Verständlicher ist mir, dass ich in den Stadtteilen um die Weser und die Holländische Straße keinen Spruch gefunden habe, denn dort sind fast nur neue Häuser, und zwar meistens Mietshäuser. An denen haben Arbeiter gebaut, die persönlich nichts mit dem Haus zu tun hatten, der Besitzer vermietete sie; was sollte da ein Spruch? Die wenigen Eigenhäuser sind so armselig und nur dem Zweck entsprechend gebaut, dass ein Spruch nicht Raum hat. Der Rationalismus mag die Menschen von der Sitte des Spruchschreibens abgebracht haben.
K: Ich habe aber noch eine ganze Reihe von Sprüchen an neueren Häusern gefunden. Sie werden sich freuen über deren Wortlaut! In der Prinzenstraße steht ein Haus mit den Worten: "Das Leben ist eine Hasenjagd, wobei der Mensch den Hasen macht!"
F: Ich kenne das Haus. Nichtssagend, seelenlos und nüchtern, ohne inneren Halt. Bezeichnet für den Spruch. Muss der Schreiber diese Worte nicht ein ganz anderer Mensch sein als jener, der schrieb: "Hier zeitlich, dort ewig?" – Sind Ihnen nicht einige Häuser aufgefallen? Aus den Jahren 1905-9? Ich nehme an, sie haben einen gemeinsamen Baumeister, denn sie sind sich sehr ähnlich und haben einen Spruch, was in dieser Zeit sehr selten ist. Kirchweg 53 heißt es: "Wer will bauen an der Straßen, muss die Leute reden lassen," Prinzenstraße 8 "Ich hab gebaut nach meinem Sinn, wem’s nicht gefällt stell ein anderes hin." Dazu die beherzigen Worte: "Wo Fried und Einigkeit regieret, da wird das ganze Haus gezieret. Gräfenstraße 19: "Sich regen bringt Segen", und Kantstraße 6: "Auf Gott ist zu trauen, auf Menschen nicht zu bauen." Bei diesen Worten, so vernünftig sie sind, fällt mir die tiefere persönliche Beziehung, die ich bei den alten Sprüchen leicht zu finden glaube. Aus den neuen Sprüchen lese ich ein gewisses Selbstvertrauen. "Ich hab’s gebaut nach meinem Sinn" und dann und doch ein Sichkümmern um die Meinung der Leute; halbtrotzig, halb gutmütig leicht heißt es dann: "wem's nicht gefällt, stell ein anderes hin."
K: In der Augustastraße am Haus Nr. 20 fand ich einen ähnlichen Spruch: "Mein Nest ist das Best Wem's nicht gefällt mach’s besser für sein Geld." Und in der Hardenbergstraße an Nr. 16 steht: "Eh' veracht als gemacht." Dann scheint noch ein Spruch beliebt zu sein: "Grüß Gott, tritt ein." Ich fand ihn in der Hardenbergstraße Nr.4, Langen StraßeNr. 80 und in der Jägerstraße mit dem Zusatz "Bring Glück herein!"
F: Ich kenne die Häuser. Ist hinter diesen Worten ein tieferer Gedanke, oder spricht hir nur die Mode?
K: Na, diese Schnörkelei in der Jägerstraße, dazu das unvermeidliche "Salve" scheint mir nur Mode zu sein.
F: Die beiden anderen sind aber mit solcher Sorgfalt ausgeführt, dass sie den Eindruck machen, der Gruß ist wirklich ernst und herzlich gemeint. Auch der Spruch Kaiserstraße 48: "Deutsches Haus, deutsches Land Schütz es Gott mit starker Hand" lässt mich schwanken, ob hier Religiosität spricht oder gut ausgestellter Patriotismus. Ich glaube eher an das Letzte, denn die neuzeitlichen Menschen verkünden ihre tieferen Gedanken, wenn sie welche haben, nicht aller Welt.
K: Sie scheinen der Neuzeit scharf entgegen zu stehen. Was sagen Sie zu den Sprüchen am Kinderheim in der Frankfurter Straße: "Wer ein Kind aufnimmt in meinem Namen, nimmt mich auf." – 1909 erbaut – und am Diakonissenheim, Königstraße: "Jesus Christus, gestern und heute und derselbe in Ewigkeit?"
F: Ich sehe beim ersten nur einen passenden Spruch, den die Behörde an dem sozialen Bau erlaubt hat und beim zweiten eine kirchlich eingeengte Wortreligion, die 'verstandesmäßig glauben' lässt, aber nicht die Unmittelbarkeit der Gottesnähe kennt wie die Religion, die aus dem Worte spricht: "Meine Hilfe steht zu Got, o Got wend all mein Ehlend."
K: Und doch sagten sie vorher, die heutigen Menschen sind jenen des Mittelalters verwandt!
F: Ja, die heutigen! Die Sprüche, die wir eben nannten, gehören der Vergangenheit an. Der Weltkrieg hat die Menschen verändert. Einen Spruch aus der Nachkriegszeit habe ich in Rothenditmold gefunden. Manglochstraße 1 heißt es: "Bei Wohnungselend, teurem Brot, hat Meister Baum mich in der Not, als Deutschland abgeliefert die Waffen, für seine Kinder hier erschaffen." Und an der Hausseite stand: "Was hier der Künstler hat, aus Holz gemacht, ist alles von Zimmermanns Hand gemacht." Jahreszahl 1921. Dieses Haus soll noch lange an die schweren Jahre erinnern. In Holz eingeschnitzt und von weit vorspringendem Dach geschützt, wird er wohl auf Jahrhunderte hin bestehen. An dem Stolz auf die Handarbeit erkenne ich eine Verwandtschaft mit dem mittelalterlichen Menschen, denn er besagt doch, dass man eigene, gediegene, ehrliche Arbeit schätzt.
K: Warum sind aber an den neuesten Häusern keine Sprüche, wenn Sie meinen, dass wir den mittelalterlichen Geist nahe kommen?
F: Die Menschen, die Sprüche an ihr Haus schreiben würden, haben meistens nicht das Geld, ein eigenes zu bauen. Sie schließen sich zu Baugemeinschaften zusammen, die Siedlungen entstehen. Die Baugemeinschaften sind aber Gemeinschaften des Geldes, nicht des Geistes! Die Siedlungen werden nach praktischen, gesundheitlichen und Schönheitsgesetzen gebaut. Auf Gefühle des Einzelnen kommt es nicht an. Sprüche würden den Bau verteuern, also lässt man sie weg! Wir sind ein armes Volk!
K: Da haben Sie Recht!
F: Aber trotzdem sehe ich einen aufsteigende Linie! Werfen wir einen kurzen Überblick auf unsere Ergebnisse! Im 16. und 17. Jahrhundert haben wir die gehaltvollen Sprüche, im 18. nur den einen auf dem Lande, wo Kultur und Mode ja fast immer ungefähr ein Jahrhundert zurück ist. Im 19. Jahrhundert rationalistische Sprüche, im Anfang des 20. Jahrhunderts ähnliche, nach dem Weltkrieg aber die Vorliebe für die alte Art und wieder starkes persönliches Empfinden. Der Fortschritt ist der, dass das Mittelalter den Rationalismus noch vor sich hatte, unsere Zeit, aber daran ist, ihn zu überwinden. Und ist der letzte Spruch, der von den Taten des Vaters spricht, "für seine Kinder hier erschaffen", nicht ein Fortschritt zu dem: "Deutsches Haus, deutsches Land, schütz es Gott mit starker Hand"? Das ist leicht gesagt und ebenso leicht steht dahinter der Wunsch: "Vernichte Hab und Gut der Feinde." Der andere Spruch verrät mehr Menschlichkeit.
K: Was man doch alles aus diesen Haussprüchen lesen kann! Ich will mich in anderen Städten auch nach ihnen umsehen. Vielleicht kann ich durch Vergleiche dann den Geist der verschiedenen Städte erkennen!
F lächelt: Vielleicht.
Die Herren trennen sich und verschwinden im Dunkel der Nacht.
Dir, lieber Vater, sind diese Zeichen mit den herzlichsten Glückwünschen für dein neues Lebensjahr gewidmet. Es ist nichts vollkommenes, es zeigt nur die Art zu denken, die du mich geleert hast. Wie sie (die Gedanken!) Aufgeschrieben sind, sind sie schon veraltet, ich könnte von neuen, weiter und tiefer sehen, jetzt, wo mir das erste Nicht mehr neu ist. Und wie du immer weiter vorwärts strebst in der Erkenntnis und in der eigenen Vervollkommnung, so will ich es auch. Und dies sei ein kleiner Dank für dein Beispiel, dass wir so oft verlacht und als Zwang gefühlt haben. Schwer ist den Weg vorwärts zu gehen, aber es ist schön und gut.
Dein Kind, Helene
Kassel, Luisenstraße 14II, 16. Juni 1927.
Am 21.7.1927 hat Helene dann in Danzig mit ihrer Schwester nach Haussprüchen gesucht, aber nur wenige gefunden. (WB)
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